Katholische Pädagogik?

Grade eben erst hatten wir Ihnen, dem vatikanischen Kardinalstaatssekretär, der rechten Hand von Benedikt Ratzepapst, Gottes Stellvertreterstellvertreter also, geraten, sich fürderhin in Schweigen zu hüllen und die Öffentlichkeit zu meiden wie der Pfarrer das Planschbecken, da erregten Sie sich laut Spiegel über eine Razzia bei der belgischen Bischofskonferenz, wo es galt, alte Akten über pädophile Priester aufzutreiben. Die von der Polizei durchsuchten Bischöfe wurden nämlich neun Stunden lang ohne Essen und Trinken festgehalten; eine grausame und demütigende Behandlung, die man nicht einmal Tieren oder Zimmerpflanzen angedeihen lassen sollte – oder, wie Sie, Bertone, es ausdrückten: »Als wären sie Kinder«. Eminenz! Das haben Sie nicht wirklich gesagt, oder? Das hat sich der Spiegel ausgedacht, oder? Denn wenn Sie Ihren kircheninternen Kinderdrill samt Einsperren und Hungernlassen nun schon öffentlich und anlaßlos eingestehen, dann läßt das nur zwei Schlüsse zu: daß Ihnen a) schon alles wurscht ist, weil inzwischen ruhig jeder wissen kann, was in Ihrer Institution so los ist, oder daß Sie b) die relativ neue christliche Tugend der Selbstironie entdeckt haben.

Wir tippen auf a).

Aus TITANIC   Briefe an die Leser August 2010 und der erwähnte Artikel des Spiegels.

Die Titianic hat es hier kurz und knapp auf den Punkt gebracht. Der eigentliche Skandal ist der Missbrauch durch diverse Kirchenvertreter, aber ursächlich hierfür ist das Menschenbild das sich in der Formulierung „Als wären sie Kinder“ offenbart. Und ja, in diesem Kontext ist kein Wort unschuldig!

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